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LLL - Lothars lustige Laufgeschichten - Schlechtes Gewissen

Unsicherheit und ein schlechtes Gewissen

 

Fast an derselben Stelle der Laufstrecke, an der ich vor einiger Zeit die Schulklasse beim Sport traf, fiel mir heute ein großer, kräftiger junger Mann auf. Ihn schien das Joggen sehr schwer zu fallen. Als ich ihn überholte bemerkte ich, dass er etwas anders aussah. Meine erste Vermutung war, dass es sich bei diesem Läufer um eine Person mit der Chromosomen-Störung Trisomie 21 handelt. Ich sprach den Mann an: „Komm, wir laufen gemeinsam ein Stück!“. Strahlend lief er mit mir los. Bald schon musste ich feststellen, dass sein Laufrhythmus völlig anders war als mein eigener. Nach ein paar Metern Sprint folgte abruptes Stehenbleiben und späteres Gehen, bevor er wieder zum Sprint ansetzte. Das habe ich ein paar hundert Meter mitgemacht. Ich wollte ihn zu einem langsamen kontinuierlichen Joggen bewegen, um zu sichern, dass er mit mir länger laufen konnte. Leider hat er mein Anliegen nicht verstanden. Sicher lag es an meiner Unsicherheit im Umgang mit dem jungen Mann. Ich fragte ihn: „Wieso läufst du um diese Zeit?“, „Musst du nicht arbeiten?“. Daraufhin antwortete mir der Läufer: „Nein, ich habe Urlaub, bin bei meiner Oma hier in Gera zu Besuch.“. „Ich arbeite in einer geschlossenen Werkstatt in der Nähe von Gera.“, fuhr er fort. „Ja, was hast du denn für eine Krankheit?“, fragte ich etwas zu neugierig. „Ich bin von Geburt an geistig behindert!“, rief er mir daraufhin zu.

Unschlüssig und etwas verlegen verabschiede ich mich von ihm. Er lächelte mich an und sah mir noch längere Zeit nach.

Den Rest meiner Laufrunde plagte mich das schlechte Gewissen. Hätte ich mir nicht mehr Zeit nehmen müssen, um mit dem jungen Mann etwas Sport zu machen? Ich habe doch so viel Zeit. Vielleicht sehe ich ihn in dieser Woche nochmals, beruhigte ich mich. Denn ich war fest entschlossen, mir bei einem zweiten Aufeinandertreffen mehr Zeit und Ruhe für einen gemeinsamen Austausch und einige sportliche Übungen zu nehmen. Ich bin sicher, es könnte ein schönes Erlebnis für uns beide werden. Überzeugt bin ich heute schon, dass es für mich sehr gut investierte und wertvolle Zeit wäre. Bis dahin erinnere ich mich an sein dankbares Lächeln.