LLL - Die Laufstrecke riechen – ein sinnliches Vergnügen
Seit meinem 18. Lebensjahr leide ich an Heuschnupfen und diversen Allergien. Vor 50 Jahren war eine Desensibilisierung noch nicht üblich. Auch in den weiteren Jahren wurde diese Erkrankung nicht ausreichend behandelt und so entwickelte sich bei mir, mit dem sog. Etagenwechsel, chronisches Asthma Bronchiale. Ich selbst war im Umgang mit dieser Krankheit anfangs sehr nachlässig. Erst nächtliche, akute Erstickungsanfälle, verbunden mit dem Einsatz von Notärzten, zwangen mich in fachärztliche Behandlung.
Die tägliche Einnahme von entsprechenden Sprays bzw. Medikamenten reduzierten die gesundheitlichen Einschränkungen auf ein erträgliches Maß. Rückblickend war es vor allem mein vor etwa zwei Jahren stattgefundener Lebenswandel, mit verändertem Bewegungs- und Essverhalten sowie den regelmäßigen Laufeinheiten, der die Entzündungsprozesse in meinem Körper reduzierte und die allergischen und asthmatischen Beschwerden deutlich abschwächte. Seither habe ich nur noch sehr geringe Probleme bei der Atmung.
Eine Besonderheit, die wahrscheinlich aus meinen Allergien hervorging, ist die hohe Sensibilität für Gerüche, insbesondere für Parfüm. Aus diesem Handicap haben sich für mich bei meinen fast täglichen Läufen interessante und sinnliche Wahrnehmungen entwickelt.
So wie ich heute noch frühere Lieblingsweine oder besondere Whiskys am Geruch erkennen könnte bzw. mir das Bouquet gedanklich vorstellbar ist, kann ich mir den Geruch einzelner Abschnitte meiner Laufstrecke vorstellen. Das ist ein absolut sinnliches und unbeschreibliches Erlebnis. Wer hat dies nicht auch schon festgestellt? Man läuft durch eine Stadt und bemerkt, wie die einzelnen Gebiete einen spezifischen, ganz eigenen Geruch entwickeln.
Da ich viel zu oft in Routinen laufe, d. h. mehrmals in der Woche die gleiche Laufstrecke absolviere, habe ich schon vor und während des Trainings die Gerüche der einzelnen Abschnitte im Kopf bzw. in der „Nase“. Diese Fähigkeit hat mir in den ersten Monaten geholfen längere Strecken in Etappen zu unterteilen und damit meinen Laufumfang zu steigern.
Es beginnt im Hausflur. In der Regel laufe ich vor oder kurz nach dem Frühstück. Ich öffne die Tür und durch das Treppenhaus schwebt ein intensiver Geruch des Rasierwassers eines Hausbewohners, der seine Printausgabe der Tageszeitung aus dem Briefkasten holt. Es ist die Marke „Old Spice“. Ich habe diesen Duft selbst ein paar Jahre verwendet, bis ich meine Allergie gegen Duftstoffe erkannt habe. Dieser Duft steht speziell für diesen Nachbar und wenn er im Urlaub ist, fehlt einfach etwas.
Dann geht es in schnellen Schritten über eine Ampelanlage in den wenige hundert Meter entfernten Hofwiesenpark. Sehr schnell ist der Abgasgeruch der gerade überquerten Hauptverkehrsstraße gewichen, empfängt mich in der wunderschönen Baumallee zurzeit ein Geruch aus Herbst, Laub und Kastanien. Eine kurze Strecke gelaufen und schon bin ich an einem stinkenden, sehr stark befahrenen Verkehrsknotenpunkt von Gera gelandet. Schnell über die Brücke, ein kurzes Stück auf dem Fußweg, der B2 entlang. Dann laufe ich rechts weg, in ein Gebiet mit Bauwerken aus den 30-iger und 70-iger Jahren. Und schon bin ich über die sehr schöne Siedlung „Heinrichsgrün“ im Faulenzerweg gelandet. Hier empfängt mich jetzt ein sehr dumpfer Geruch nach feuchtem Laub und intensiven Holznoten. Durch die Gärten und dem angrenzenden Geraer Stadtwald wirkt der schmale Weg teilweise unheimlich. Gerade jetzt im Herbst ist diese Atmosphäre förmlich zu riechen. Es sind nur ca. 500 m und schon passiere ich eine gepflegte und immergrüne Tennisanlage und kurze Zeit später die schöne Minigolf Anlage „Die Ranch“. Hier ist alles hell und offen. Hin und wieder weht der Geruch vom kleinen Strandbad der weißen Elster herüber. Sehr schnell bin ich wieder in einem Waldstück in Richtung „Otto Dix Haus“, dem Geburtshaus des berühmten Geraer Malers Otto Dix. Jetzt geht es rechts entlang über die „Untermhäuser Brücke“ direkt in die Küchengartenallee. Hier beginnt eine Komposition von jahreszeitlich verschiedenen Düften. Gerade noch der Geruch von einer großen bunten Blumenwiese in der Luft, lädt der Herbst mit seinen speziellen Düften und Farben zum Verweilen ein. Über die prachtvollen Eingangsportale der Geraer „Orangerie“ erhalte ich Zugang zu dem historischen, einmalig schönen und sehr gepflegten „Küchengarten“. Hier drehe ich meine Runde vorbei an üppig blühenden Blumenbeeten und Rabatten. Eine Allee, von teilweise über hundert Jahre alten Bäumen, bildet jetzt meine Laufstrecke. Obwohl mich die Blütenpracht beim Atmen leicht belastet, laufe ich diese Runde dann auch gern zwei Mal. Hin und wieder treffe ich, wenn ich im Hochsommer sehr früh starte, einen Obdachlosen, der auf einer der Bänke, seinen Alkoholrausch ausschläft. Auf diese Gerüche könnte ich zwar gern verzichten, aber auch dies gehört eben zu meiner Laufrunde.
Gerade laufe ich in Richtung „Otto Dix Schule“, da stoße ich beinahe mit einer sehr gepflegten, attraktiven Dame zusammen. Wir waren beide in unseren Gedanken versunken. Ein sehr intensiver Parfumduft, überdeckt von kaltem Zigarettenrauch, hängt mir jetzt in der Nase. Sehr unangenehmer Geruch für mich. Das Parfum kann ich heute noch gedanklich reproduzieren. Eine kurze Schrecksekunde, eine Entschuldigung und weiter laufe ich in die Gutenbergstraße. Hier weht mir regelmäßig der Geruch von einem türkischen Kebab-Haus in die Nase. Direkt gegenüber ist die Filiale des bekannten Bäcker- und Konditors „Laudenbach“.
Über einen Fußgängerüberweg, der immer große Aufmerksamkeit fordert, geht es nach links in die Leibnitzstraße. Ein langer, nicht sehr sauberer Straßenzug, eng von Straßenbahn und Autos befahren. Rechts und links hohe Stadthäuser, aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts, teilweise noch unsaniert. Hier riecht es unangenehm, irgendwie alt, fast wie auf einem Friedhof. Ich bin jedes Mal froh diesen Abschnitt durchlaufen zu haben. Doch halt, etwas habe ich vergessen. Gegen Ende dieser Straße wird gerade seit etwa Anfang des Jahres eine große Industriebrache abgerissen. Mit großem, schwerem Gerät wird Platz für eine der größten Eigenheimsiedlungen der Stadt geschaffen. Wie alte, verfaulte Häuser riechen brauche ich nicht zu beschreiben. Dieser Geruch steckt mir noch einige Minuten in der Nase.
Jetzt schnell nach links über die Fußgängerbrücke, über die Weiße Elster und schon laufe ich am Kupferhammer stadteinwärts. Hier kommt der nächste duftende Höhepunkt meiner Laufstrecke. In der 2. Häuserzeile liegt das Stammhaus der schon erwähnten „Bäckerei Laudenbach“. Von hier aus werden die Filialen in Gera beliefert. Könnt ihr euch die Geruchsexplosion vorstellen, wenn der Wind in meine Richtung weht? Einmalig, frisches Gebäck, Zuckerwerk und frisches Brot. Was gibt es Schöneres? Diese Düfte sind für mich so anregend, dass ich mir bei längeren Laufeinheiten (über 20 km) diesen Punkt als Belohnung vorstelle und mir diesen Abschnitt als Zwischenziel gedanklich markiere. Wenn ich sonntags laufe und der Bäckerbetrieb nicht arbeitet, erfreue ich mich an der wenige Meter weiter geöffneten „Netto“ Filiale. Auch hier duftet es dann köstlich nach frischem Brot und Brötchen. Regelmäßig gibt es hier lange Schlangen von Menschen, die ihre Sonntagsbrötchen holen. Ich selbst esse seit Jahren keinerlei Brötchen oder Semmeln, habe es früher aber sehr gerne getan. Heute erfreue ich mich an dem Duft und belohne mich damit.
Immer weiter an der Elster entlang komme ich jetzt nach dem Restaurant „Lummersches Backhaus“, der historischen Marienkirche nach rechts in weniger als ca. 300 m in die Fuchsklamm. Das ist ein sehr schöner, sanft und stetig ansteigender Naturweg des Geraer Stadtwaldes. Hier findet man alle Gerüche des Waldes sehr intensiv. Jetzt im Herbst dominieren Noten von Moos, Laub und Gehölz. Man findet auch Abschnitte mit feinem Pilzgeruch. Wenn ich recht früh vor dem Frühstück die Fuchsklamm absolviere, dann nehme ich auch öfter den strengen Geruch von Wild auf. Hier gibt es allerlei Rehe, Hirsche und auch Wildschweine. Die Strecke ist etwa 2,5 km lang und führt am Ende über eine Teerstraße zur malerisch gelegenen Waldgaststätte „Jagdhof“. Hier gibt es dann auch Wildgerichte aus dem heimischen Forst. Das riecht auch sehr lecker. Rechts am Gasthaus entlang führt ein breiterer Waldweg durch den Stadtwald und endet dann links abbiegend auf der Dr. Schomburg Straße. Ab hier geht es flott stetig abwärts auf einem schmalen Fußweg entlang der PKW-Parkbuchten des „SRH Wald-Klinikum Gera“. Oft bilde ich mir ein, den typischen Geruch eines Krankenhauses zu vernehmen. Aber vielleicht ist das nur Einbildung, weil ich eben das große Krankenhaus sehe und auch schon dort behandelt wurde. Die relativ schnelle Abwärtsstrecke habe ich geschafft, jetzt scharf links abbiegend wieder in ein kurzes Waldstück und nach ca. 1,5 km bin ich wieder am Ende meiner heutigen Laufstrecke.
Mir hat es wieder viel Spaß gemacht, laufend die verschiedenen Gerüche wahrzunehmen. Für mich ist diese Runde immer wieder ein großartiges, sinnliches Lauferlebnis!
